Nachhaltigkeit – Frustrationen und Visionen

Nachhaltigkeit – Frustrationen und Visionen

Das Wort „Nachhaltigkeit“ können viele Menschen einfach nicht mehr hören. Und ich kann sie verstehen. Green-Washing in Unternehmen, die nur auf Profit aus sind, oder eingerostete Politiker, denen Umwelt und Klima offensichtlich wenig am Herzen liegen – das sorgt für Frustration, die ich sehr gut nachvollziehen kann.

Genau wie die Frage: Bringt es wirklich etwas, wenn ich heute mit dem Fahrrad fahre, anstatt mit dem Auto? Wenn ich auf den Flug verzichte? Wenn ich den veganen Burger anstatt den mit Fleisch wähle? Im Unverpackt-Laden teure Bio-Lebensmittel einkaufe? Und so weiter… Wir fühlen uns machtlos. Nicht in der Lage, die Welt durch unser eigenes Handeln zu verändern. Und daraus resultiert manchmal der Gedanke: Ist doch egal, wofür ich mich entscheide – das ändert sowieso nichts. Zumindest geht es mir manchmal so.


Ich habe das Gefühl, dass all diese „nachhaltigen Taten“ zwar richtig und wichtig sind, der „Rahmen“ aber falsch erscheint. Manchmal denke ich: Hier geht etwas grundlegend in die falsche Richtung. Ich habe das Gefühl, uns Menschen fehlt der Blick aufs große Ganze.

Manchmal träume ich von einem Leben, das grundsätzlich anders aussieht und funktioniert. Einer Welt, in der wir uns als Teil der Natur betrachten und nicht als deren Schöpfer oder Besitzer. Einem Leben, das sehr viel einfacher ist. Nicht „einfach“ im Sinne von „bequem“ – im Gegenteil. Ein Leben, das mehr im Hier und jetzt stattfindet, in dem man Verantwortung für sein eigenes Handeln trägt, die Früchte seiner Arbeit erntet und mehr mit den eigenen Sinnen erlebt.


Auf Reisen habe ich unterschiedliche Lebensentwürfe kennengelernt. Von der komfortablen Villa mit Wifi und Klimaanlage bis hin zur Bambushütte mit Plastikplanendach ohne befestigten Boden oder fließendem Wasser. Vom omnipräsenten Fast-Food-Angebot in der Stadt bis hin zur Selbstversorgung durch Bananen, Kokosnüsse und Wurzeln im Dschungel. Gerade unter diesen eher extremen Gegebenheiten habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, was man davon wirklich braucht. Was ist nötig, um sich wohl zu fühlen? Eine höchst individuelle Frage, denke ich.

Für mich hat sich folgende Antwort ergeben: Ich brauche nicht viel, um mich wohl zu fühlen. Ich brauche ein Dach, Wärme, Essen und Trinken. Ich brauche Menschen um mich herum, denen ich vertrauen kann, mit denen ich meine Gedanken und Gefühle teilen kann. Ich brauche ein kleines Fleckchen in der Natur. Ich brauche Materialien und Werkzeuge, um Dinge zu bauen und zu reparieren. Ein wenig Energie, um Essen und Wasser zu erhitzen und mich zu wärmen. Ein wenig Technik, um Kontakt mit Menschen aufzunehmen. Ich brauche Zugang zu Wissen und medizinischer Versorgung. Und eine Matratze wäre auch nicht schlecht 😉

Mir ist klar, dass sich selbst diese Bedürfnisse je nach Kontext sehr privilegiert anhören und dass vielen Menschen auf dieser Welt nicht einmal diese erfüllt werden. Aber genau das ist auch ein Gedanke, der hinter meinen Überlegungen steckt: Was wäre, wenn alle Menschen so „einfach“ leben würden, wie eben beschrieben? Und was, wenn alle Menschen so leben würden, wie ich aktuell – in einer Wohnung in der Großstadt mit Zugang zu allem, was man sich wünscht?

Mal ehrlich: Wir könnten nicht alle dauerhaft so leben wie ich aktuell. Selbst wenn mein Leben nicht luxuriös ist, verbraucht es dennoch viele Ressourcen und fügt Umwelt, Menschen und Tieren höchstwahrscheinlich mehr Leid zu, als dass es ihnen Gutes tut. So richtig wohl fühle ich mich damit nicht. Und wirklich notwendig ist vieles, was ich tue, besitze oder konsumiere auch nicht. Weder für mein Überleben, noch für mein Wohlergehen.


Wie könnte also ein alternativer Lebensentwurf aussehen? Sollen wir etwa wieder so leben wir vor ein paar hundert Jahren? Oder am besten gleich wie die Steinzeitmenschen? Nein! Ich bin vielmehr der Meinung, dass wir unser heutiges Wissen und unsere fortschrittlichen Technologien so einsetzen sollten, dass sie uns, anderen Lebewesen und der Natur im Allgemeinen wirklich zu Gute kommen, anstatt langfristig zu schaden. Dass wir unsere Ressourcen intelligent einsetzen, Kreisläufe erzeugen, statt zu verschwenden.

Es geht dabei nicht um Schwarz-Weiß oder Gut-Böse-Denken. Eher um Abwägung und Balance. Will ich auf das Internet verzichten, auf Strom, auf nachhaltige Energiequellen? Nein! Könnte ich mit sehr viel weniger Energie zurechtkommen? Definitiv! Könnte ich auf 24-7-Internet, modische Kleidung und abgepacktes Fertigessen verzichten? Ja! Kann ich auf Trash-TV, Shopping-Malls und das neuste I-Phone verzichten? Auf jeden Fall! Ob das auch auf andere zutrifft, weiß ich nicht – ich kann nur von mir selbst sprechen.

In einem nachhaltigeren Leben würde ich einen Teil meiner Lebensmittel selbst anbauen. Ich würde mir ein kleines, einfaches Haus aus nachwachsenden Ressourcen bauen. Trinkwasser könnte man lokal aus gereinigtem Regen-, Quell- oder Flusswasser beziehen.

Energie würde ich von einer Solaranlage beziehen, ausreichend für Beleuchtung, Wifi und das Laden von Geräten. Zugegeben: Diese Dinge sind (noch) nicht sonderlich nachhaltig, langlebig oder lokal bzw. dezentral. In diesen Bereichen Bedarf es auf jeden Fall noch mehr Forschung und Entwicklung.

Ich würde mir ein paar Hühner halten, die ab und zu mal ein Ei legen, und mich ansonsten pflanzlich ernähren. Einmal im Monat wird vielleicht ein Hahn geschlachtet oder ein Fisch geangelt. Milch bräuchte ich nicht unbedingt. Dafür aber selbst angebautes Gemüse, Obst, Beeren, Nüsse, Hülsenfrüchte. Als Grundnahrungsmittel könnte man Kartoffeln, Kürbisse, Hülsenfrüchte und Pseudogetreide anbauen. Weitere Getreide, Mehl oder Öle und einige wenige Genussmittel könnte man zukaufen.

Man würde neben der Teil-Selbstversorgung nur einen kleinen Teil des Tages mit der „klassischen Lohnarbeit“ verbringen. Indem man ein Produkt, eine Dienstleistung oder etwas Digitales anbietet, das andere Menschen wirklich benötigen und wertschätzen. Den Rest des Tages würde man mit Tätigkeiten verbringen, die einem Freude bereiten. Zeit mit Menschen verbringen, die einem wichtig sind und sich um Pflanzen, Tiere und Grundstück kümmern. Der Tag wäre nicht mit dem Abbezahlen der Lebenshaltungskosten gefüllt, sondern mit Leben.


Hört sich sehr utopisch an? Ich weiß. Das lässt sich nur schwer mit dem aktuellen System vereinen. Es wäre ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel nötig, eine andere Organisation des eigenen und gemeinsamen Lebens. Es würde zum einen voraussetzen, allen Menschen grundsätzlich Zugang zu Ressourcen wie Land, Wasser und natürlichen Rohstoffe zu gewähren. Zum anderen würde es eine Vertrauensbasis oder gesetzliche Regelung voraussetzen, dass Menschen mit diesen Ressourcen sorgsam umgehen.

Mir ist auch bewusst, dass viele Menschen nicht auf das hohe Maß an Komfort, Bequemlichkeit und schnell verfügbarem Genuss verzichten möchten, von dem sie zumindest denken, dass es sie glücklich macht. Aber trifft das wirklich zu? Wie viele Menschen auf der Welt sind unglücklich über oder sogar gefährdet durch ihre aktuelle Lebenssituation? Wie sehr kann man den eigenen „hohen“ Lebensstandard genießen, wenn man weiß, dass er zum Teil auf Kosten anderer und des Planeten geht?

Aber wenn wir ehrlich sind, geht es uns doch hauptsächlich um uns selbst, nicht um den „Planeten“, oder? Selbst bei dieser ganzen Nachhaltigkeits-Diskussion denken wir doch in erster Linie an unser eigenes Wohl und vielleicht noch das unserer Nachkommen. Da schließe ich mich selbst auch ein. Und das ist auch erst mal ganz normal und einfach in unseren Genen verankert. Das gute dabei ist, dass das meiste, was uns selbst guttut und gesund hält, auch anderen guttut und den Planeten erhält. Wir haben nur leider anscheinend einen Teil in uns, der (selbst-)zerstörerisch handelt und von allem mehr möchte, als uns und anderen guttut.

Mir ist auch bewusst, dass sich sehr viele, wahrscheinlich zu viele, Menschen diesen Planeten mit all den anderen Lebewesen teilen. Man könnte denken: Es ist nicht genug Platz für alle da, es gibt nicht genug Ressourcen für alle. Aber stimmt das wirklich, wenn wir genügsamer leben würden? Wenn nicht so viel verschwendet werden würde? Wenn Menschen ihre Lebensmittel auf intelligente Weise platz- und ressourcensparend anbauen würden? Wenn wir den Großteil unserer Nahrung aus pflanzlichen Quellen beziehen würden? Wenn wir die Natur nicht zerstören würden, sondern ökologische Systeme und natürliche Kreisläufe intelligent nutzen würden anstatt ihnen entgegen zu arbeiten?


Viele offene Fragen, zahlreiche Unklarheiten, große Herausforderungen. Vielleicht ist das alles Wunschdenken. Aber vielleicht können wir tatsächlich selbst auf eine bessere Welt hinarbeiten, in ganz kleinen Schritten. Vielleicht können wir selbst unsere „kleine Welt“ verändern, sodass sich nach und nach auch die „große Welt“ ändert.






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